C.G. Jung über die Bedeutung von Träumen

„Ich bestreite nicht, daß die zivilisierte Gesellschaft bedeutsame Errungenschaften zu verzeichen hat. Aber diese Errungenschaften sind mit enormen Verlusten erkauft worden, deren Ausmaß wir noch kaum abzuschätzen vermögen. Der Zweck meiner Vergleiche zwischen primitiven und und zivilisierten Gesellschaften war es, die Bilanz dieser Gewinne und Verluste aufzu zeigen. Der primitive Mensch war weit mehr von seinen Instinkten gelenkt, als es seine „vernünftigen“ modernen Nachkömmlinge sind, die gelernt haben, alles „unter Kontrolle“ zu halten. In diesem Zivilisierungsprozeß haben wir zunehmend unser Bewußtsein von den tiefen instinktiven Schichten der menschlichen Psyche und schließlich sogar von der somatischen Basis des psychischen Phänomens abgetrennt. Glücklicherweise haben wir aber diese grundlegenden instinktiven Schichten nicht verloren, sie bleiben Bestandteil des Unbewußten, auch wenn sie sich vielleicht nur in Form von Traumbildrn äussern.“

Jung träumte eine Traum, doch er wollte Freud davon nicht berichten, da er wußte das das Thema Freud unangenehm war und so wich er in der Interpretation aus. Und ganz plötzlich verwirrte ihn seine intuitive Erkenntnis, „welch große Rolle der subjektive Faktor in der psyachologischen Verständigung spielt. Dies Gefühl war so überwältigend, daß ich nur daran dachte, möglichst schnell aus dieser unmöglichen Situation herauszukommen, ich wählte deshalb den leichten Ausweg über eine Lüge.... Meine intuitive Erkenntnis bestand in der plötzlichen und unerwarteten Einsicht, das mein Traum mich meintze, mein Leben und meine Welt, meine ganze Realität gegen eine theoretische Struktur, die von einem fremden Verstand aus dessen eigenen Gründen und für dessen eigene Zwecke errichtet war. Es war nicht Freuds Traum, sondern mein eigener, und auf einmal verstand ich auch, was mein Traum bedeutete. Freud ging von der Annahme aus, daß Träume nicht zufällig erscheinen, sondern mit bewußten Gedanken und Problemen in Zusammenhang stehen. Sie basierte auf der Schlussfolgerungen hervorragender Neurolöogen z. B. Pierre Janets - , daß neurotische Symptome mit irgendeiner bewußten Erfahrung zusammenhängen. Sie scheinen sogar abgespaltete Teile des Bewußtseinsbereich zu sein, die zu anderen Zeiten und unter anderen Bedingungen bewußt sein können.

Vor Anfang dieses Jahrhunderts hatten Freud und Josef Breuer erkannt, daß neurotische Symptome - Hysterie, gewisse Arten von Schmerzen, abnormales Verhalten - in Wirklichkeit symbolisch bedeutsam sind. Sie sind, wie die Träume, eine Ausdrucksform des Unbewußten und gleichenermassen symbolisch. Ein Patient, der zum Beispiel in einer unerträglichen Lage ist, kann einen Krampf bekommen, der ihn am Trinken hindert: Er „kann es nicht schlucken“,. Ein anderer, der sich unter ähnlichen psychischen Druck befindet, leidet an einer sonderbaren Beinlähmung, d.h.: „Es geht so nicht mehr weiter“. Wieder ein anderer, der beim Essen erbricht, kann eine unangenehme Sache „nicht verdauen“.. Diese psysische Reaktionen sind nur eine Form, wie sich belastendes Probleme unbewußter Art ausdrücken können. Viel öfter zeigen sie sich in unseren Träumen.“ Freud wendete die Technik der „freien Assoziation“ an und führt Träume auf gewisse grundlegende Themen zurück.. Diese Technik spielte in der Entwicklung der Psychoanalyse eine wesentliche Rolle, denn sie ermöglicht es Freud, Träume als Ausgangspunkt zu benutzen, von denen aus das unbewußte Problem des Patienten erforscht werden konnte.

Freud machte die einfachje, aber durchschlagende Beobachtung, daß ein Träumer, den man ermutigt, über seine Träume und die damit zusammenhängende Gedanken zu sprechen, den unbewußten hintergrund seines Leidens verrät, und zwar durch das, was er sagt, und durch das, was er absichtlich verschweigt. Jung meint der Traum sei nicht mehr oder nicht weniger nützlich, als irgend ein anderer Ausgangspunkt: Banales Erlebnis, Meditation über ein Kristall, ein modernes Gemälde usw. Der Traum zieht seine eigene Grenze. Seine besondere <Form selbst entscheidet darüber, eas zu ihm gehört und was von ihm wegführt. Während uns die „freie“ Assoziation in einer Art Zickzacklinie vom Traummaterial weglockt, ist die Methode, die ich vorgeschlagen habe, eher eine Umkreisung, deren Zentrum das Traumbild bleibt. Ich arbeite um das Traumbild herum und beachte die Ausweichversuche des Träumers nicht.

Jung: Träume dienen dem Zweck der Kompensation ???

Ein zwangsgedanke empfindet ein Vormenschen, als sei er von einem bösen Geist bessen, Das Gefühl der Besseneheit wird nur heute anders gedeutet. Im Traum können sie auftreten als Riten und aus Mythen und Freud nannte sie ARCHAISCHE ÜBERRESTE. Diese Bezeichnung impliziert, daß es sich dabei um psychische Elemente handelt, die historisch im menschlichen Geist überlebt haben. Eine derartige Auffassung ist aber nur für Menschen typisch, die das Unbewußte als Anhängsel des Bewußtseins betrachten. Sie gehören zur Welt der Instikte. Wie die Instinkte, von denen wir ja auch nicht annehmen, jedes Tier müsse sie sich individuell wieder erwerben, so gibt es auch kollektive Vorstellungsmuster, die dem menschlichen Geist angeboren und vererbt sind. Jeder Teil des Körpers hat eine lange Entwicklungsgeschichte hinter sich, so können wir auch erwarten, daß unser Geist in ähnlicher Weise organisiert ist. Ich meine die biologische, prähistorische, unbewußte Entwickluing des Geistes im archaischen Menschen, dessen Psyche der des Tieres noch sehr ähnlich war.. Der Archetyp oder Urbilder ist vielmehr eine angeborene Tendenz, solche bewußten Motivbilder von bestimmten mythologischen Bildern oder Motivenzu formen - Darstellungen, die im Detail sehr voneinander abweichen können, ohne jedoch ihre Grundstruktur aufzugeben. Tatsächlich sind sie eine instiktive Neigung, wie etwa der Impuls bei Vögeln, Nester zu bauen, oder bei Ameisen, organisierte Kolonien zu bilden. Die unbewußten archetypischen Bilder des Menschen sind ebenso instinktiver Natur wie die Fähigkeit der Zugvögel in Formation zu fliegen, wie der Tanz der Bienen, der dem Schwarm exat den Ort der Nahrungsquelle angibt. Jung: „Die allgemeine Vorstellung von Christus dem Erlöser gehört zu dem weltweiten vorchristlichen Thema des Helden und Retters, der zwar vom Ungeheuer verschlungen wird, aber auf wunderbare Weise wieder erscheint, nachdem er das Ungeheuer, das ihn verschluckt hat, überwältigt hat. Niemand weiß, woher dieses Motiv ursprünglich kommt und wann er aufgetaucht ist.“ Jede Generation kennt es offenbar als Überlieferung aus alten Zeiten. „ Wahrscheinlich entstammt es einer Zeit, als der Mensch noch nicht wußte, daß er einen Heldenmythus besaß, das heißt einem Zeitalter, als er noch nicht bewußt über das nachdachte, was er sagte. Die Heldenfigur ist ein Archetyp, der seit unvordenklichen Zeiten existiert. Archetypische Formen sind nicht bloß statische Muster, sondern dynamische Faktoren, die sich ebenso spontan wie die Instinkte in Impulsen äussern. Träume, Visionen, Gedanken können ganz plötzlich erscheinen und wie sorgfältig man auch nachforschen mag, man findet ihre Ursache nicht“

Die spezifische Energie der Archetypen kann man wahrnehmen, wenn man die besondere Faszination erlebt, die sie begleitet. Archetypen scheinen einen besonderen Zauber auzuüben.“ Archetypen schaffen Mythen, Religionen und Philosophien, die ganze Nationen und geschichtliche Epochen charakterisieren. Mythen religiöser Natur können interpretiert werden als eine Art geistiger Therapie für die Leiden und Ängste der Menschheit - Hunger, Krieg, Krankheit, Alter und Tod. Der universale Heldenmythos zum Beispiel bezieht sich immer auf einen mächtigen Menschen oder Gottmenschen, der das Böse in Gestalt von Drachen, Schlangen, Ungeheuern, Dämonen und so weiter besiegt und der sein Volk aus Zerstörung und Tod befreit. Die Erzählung oder rituelle Wiederholung von heiligen Texten und Zeremonien und die Verehrung einer solchen Heldenfigur durch Tänze, Musik, Hymnen, Gebete und Opfer ergreifen die Hörerschaft wie magische Zauber und erheben den einzelnen zur Identifikation mit dem Helden.. Wenn wir eine solche Situation mit den Augen des Gläubigen zu sehen versuchen, können wir vielleicht verstehen, wie der gewöhnliche Mensch von seiner Ohnmacht und seinem Elend befreit werden und - wenigstens zeitweise - mit fast übermenschlichen Eigenschaften ausgestattet werden kann. Es wird gewöhnlich vermutet, ein geschickter Philosoph oder Prohet habe in prähistorischen Zeiten die grundlegende mythologische Ideen „erfunden“, die später von einem leichtgläubigen und unkritischen Volk „geglaubt“ worden wären. man sagt auch, die Geschichte, die eine machthungrige Priesterschaft erzähle, seien nicht „wahr“, sondern bloß „Wunschdenken“. Aber das Wort „erfinden“ bedeutet ja „finden“, also etwas auffinden, was man sucht. Dies deutet also auf eine gewisse Vorkenntnis hin, was man dann findet.

Archäologen graben tief in der Vergangenheit und fördern Statuen, Zeichnungen, Tempel und Sprachen hervor, die von alten Glaubensweisen berichten. In ihren sybolischen Bildern wird die frühe Geschichte der Menschheit sichtbar. Religionswissenschaftler, Philologen und Kulturanthro-pologen erwecken sie zum Leben. Sie zeigen, daß diese symbolischen Muster in den Riten oder Mythen kleiner Stammesgemeinschaften auch heute noch zu finden sind. Sie sind universell und wirken auch in heutiger Zeit nur mit anderen Inhalten. Wenn jemand behauptet, er habe eine Vision gehabt oder Stimmen gehört, so wird er jedoch nicht als Heiliger oder als Orakel behandelt, man hält ihn vielmehr für geistesgestört und er bekommt Psychopharmaka, die diese inneren Ereignisse dämpfen. Wir lesen zwar die Mythen der alten Griechen - Walt Disney übersetzt sie erfolgreich in die Zeichentrickebene, z.B. Herkules - oder die Volkssagen nordamerikanischer Indianer, aber wir sehen keine Beziehung zwischen ihnen und unserer eigenen Einstellung gegenüber den heutigen „Helden“ oder dramatischen Ereignissen. Doch das Unterbewußtsein enthält noch viele Spuren aus früheren Stadien der Menschheits-entwicklung und sie formen die Psyche. Analytiker erforschen diese symbolischen Formen in Träumen und übersetzen sie auf den jeweiligen Entwicklungsstand des Individuums und versuchen so, seine Entwicklung zu unterstützen.

Aber auch kollektive Rituale wie z.B. die Christusgeschichte repräsentiert dieses Muster. Die Geburt Jesus wird kurz nach der Wintersonnenwende gefeiert, das Leben erneuert sich. Die Kreuzigung Jesus ist mit den Symbolen der Fruchtbarkeit des Hasen und der Ostereier zusammengelegt. Sie scheint auf den ersten Blick demselben Muster der Fruchtbarkeitssymbolik anzugehören, die man in den Riten anderer „Erlöser“ findet, wie etwa Osiris, Tammuz, Orpheus und Baldurs. Auch sie waren göttlicher oder halbgöttlicher Abstammung, wuchsen heran, wurden getötet und wiedergeboren. Sie gehören zu zyklischen Religionen, in denen Tod und Wiedergeburt des Gottkönigs ein ewig wiederkehrendes Mythos war.

Die Erneuerung der Informationsstruktur geschieht immer nach dem selben zyklischen Muster: Tod und Wiedergeburt sind Naturphänomene. Aber manchmal geschieht eine aussergewöhnliche Transformation auf eine höhere Ebene. Sie ist unumkehrbar. Die Geschichte Jesus beschreibt dieses Transforma-tionsmuster sehr deutlich. Vorinformationen kündigen dies an. Schon als Jesus geboren wurde, mußte er fliehen. Das alte System - die herrschende Struktur - erlaubt keine Neuerung ohne Widerstand. Jesus ist jedoch keine isolierte Person, sondern ein Ausdruck des göttlichen Informationsfeldes: „Der Sohn Gottes“. Er entwickelt sich individuell - muß der Versuchung widerstehen - und gibt seine „Taten und Sichtweisen“ direkt in das bestehende System. Die herrschende Gesellschaftsstruktur kann dies nur bedingt tolerieren und vernichtet die Symbolfigur durch „Kreuzigung“. Jesus stellt in letzter Minute seine „Ego“ unter die Herrschaft des göttlichen: „Herr, Dein Wille geschehe“. Damit transformiert er seine individuelle Struktur und wird gleichsam ein Symbol für erfolgreiche persönliche Entwicklung, er wird selbst göttlich: „Gottes Sohn, sitzend zu seiner Rechten“. Er stirbt gleichsam für andere Menschen und zeigt ihnen stellvertretend die persönliche Transformation, er nimmt die „Sünden - die Unerlöstheit“ des einzelnen stellvertretend auf sich. Er wird dadurch zum Vorbild. „Wenn er es schafft, folge ihm nach und auch Du wirst erlöst. Er ist für Dich gestorben.“ Von daher wird er ein Bestandteil des göttlichen Informationsfeldes und erhöht die „Qualität“ - sie geht auf eine „höhere Ordnung“: „Liebe Deinen Nächsten“. Er wird wiedergeboren und fährt gegen Himmel: Die neue Information darf nicht verloren gehen. Er wird dadurch unsterblich und lebt auf dieser höheren Informationsebene ewiglich und ist daher für jeden potentiell erreichbar. Seine Qualität - die er sich individueller arbeitet hat wird beispielhaft kopiert. Er wird „Führer und Wegbereiter“ - ein Idol. Daher verbreitet sich seine Qualität immer mehr innerhalb der Menschheitskultur und hebt diese ebenfalls auf eine neue Qualität. Die Verbreitung wird ausdrückbar in Gleichnissen und durch seine bisher beispiellose gelebte Haltung und Taten. Die Symbolfigur Jesus setzt Maßstäbe der Orientierung, die jedoch wiederum von Machtinteressen durch abweichende Interpretationen vereinahmt werden können und so ihre Kraft verlieren. Neu entstehende kollektive Strukturen konkurrieren miteinander und Zerfallen, da die individuelle Qualität des „Pioniers“ nicht ausreichend vorhanden ist. Der objektive Inhalt der Geschichte - der Wahrheitsgehalt - ist sekundär, das Transformationsmuster jedoch universell gültig und folglich ewiglich wirksam.

 

Die Gestalt des Helden (Joseph L.Henderson: Der moderne Mensch und die Mythen. Auszüge:)

Der Heldenmythos ist der bekannteste und am weitesten verbreitete der Welt. Wir finden ihn in der klassischen Mythologie der Griechen und Römer, im Mittelalter, im Fernen Osten und bei den primitiven Völkern. Er variiert im Detail außerordentlich, aber ihre Strukturen sind einander sehr ähnlich. Sie haben ein universelles Muster, obgleich sie von Gruppen oder Individuen entwickelt wurden, die keinen direkten kulturellen Kontakt miteinander hatten. Man hört immer wieder Geschichten, die die wunderbare, wenn auch armselige Geburt eines Helden beschreiben, die frühen Anzeichen seiner übermenschlichen Stärke, seinen raschen Aufstieg zu Ansehen oder Macht, seinen siegreichen Kampf mit den Mächten des Bösen, seine Anfälligkeit für die Sünde des Stolzes (Egoaufblähung) und seinen Sturz durch Verrat oder durch ein „heldenhaftes“ Opfer, das mit dem Tod endet. In vielen dieser Erzählungen wird die anfängliche Schwäche des Helden ausgeglichen durch das Auftrten von starken „Schutz“-Gestalten oder Wächtern, die ihm bei der Lösung der übermenschlichen Aufgaben helfen. Bei den griechischen Helden hatte Theseus den Gott des Meeres, Poseidon, als Schutzgott neben sich. Perseus hatte Athene, Achilles hatte Cheiron, den weisen Kentaur, zu seinem Beistand.
Diese göttergleichen Gestalten sind in Wirklichkeit symbolische Vertreter der gesamten Psyche, der größeren, umfänglicheren Identität, die die Kraft liefert, welche dem persönlichen Ego fehlt.